Rotmilan (Milvus milvus)

Rotmilan © Lutz DöringRotmilan © Lutz Döring

Verbreitung

Im Vergleich zum Schwarzmilan besiedelt der Rotmilan ein nur relativ kleines Verbreitungsareal, das sich im Wesentlichen auf Gebiete der westlichen Paläarktis beschränkt. Während M. m. fasciicauda nur auf den Kapverden vorkommt, erstreckt sich das Vorkommen von M. m. milvus von die Kanarischen Inseln und Nordwest-Afrika, über den westlichen Mittelmeerraum und Mitteleuropa bis in die Ukraine und Weißrussland. Die Milanart brütet auch in Südschweden und Großbritannien (Wiedereinbürgerung in Schottland und England) und vielleicht noch im westlichen Transkaukasien (GLUTZ VON BLOTZHEIM et al. 1989, NICOLAI in HAGEMEIJER & BLAIR 1997). Die Weltpopulation wird gegenwärtig auf 19.000- 23.400 BP geschätzt, die hauptsächlich in Spanien und Mitteleuropa (Ostfrankreich bis Nordost-Deutschland) beheimatet sind. Die höchsten Siedlungsdichten werden im südlichen Sachsen-Anhalt festgestellt, wo besonders im Nordharzvorland Anfang der 1990er Jahre großflächig 37 bis 47 Paare je 100 km² brüteten (NICOLAI 1993b, NICOLAI in HAGEMEIJER & BLAIR 1997, NICOLAI & KOSTRZEWA in KOSTRZEWA & SPEER 2001). Die in diesem Gebiet gelegenen Waldinseln Hakel (13 km²) und Huy (18 km²) wurden kolonieartig besiedelt und erreichten mit mindestens 136 BP im Jahr 1979 (STUBBE 1982) bzw. 92 BP im Jahr 1981 (GÜNTHER & WADEWITZ 1990) ihre höchsten Dichten. Weitere Dichteschwerpunkte im flächenhaft besiedelten Sachsen-Anhalt liegen in den Auenwäldern der Elbe, Saale und Weißen Elster (GEDEON in GNIELKA & ZAUMSEIL 1997).

Ökologie und Zugstrategie

Der Rotmilan bevorzugt offene und reich gegliederte Landschaften vom Tiefland bis ins mittlere Bergland (meist unter 600 m ü. NN). Die Horste werden hauptsächlich in den Randlagen von Laubwäldern, aber auch in Feldgehölzen und Baumreihen angelegt. Im Süden des Verbreitungsgebietes, im Küstenbereich und auf Inseln werden Felshorste angenommen (NICOLAI in HAGEMEIJER & BLAIR 1997). Die Art ist weit weniger an Gewässer gebunden als der Schwarzmilan und jagt ausschließlich im Offenland. Lange Nahrungsflüge führen zu beutereichen Grünland- und Ackerflächen mit kurzer Vegetation (besonders Grünfutter und Hackfrüchte), Müll- und Luderplätzen, Gewässern und Siedlungen (GLUTZ VON BLOTZHEIM et al. 1989, NACHTIGALL 1999). Die hohen Dichten im Nordharzvorland lassen sich auf die produktiven Schwarzerdeböden des Gebietes und die ehemals reichen Hamstervorkommen zurückführen, die bis Ende der 1980er Jahre die Hauptbeute des Rotmilans in dieser Region darstellten (STUBBE et al. 1991). Die skandinavischen und mitteleuropäischen Brutvögel sind Kurzstreckenzieher, die hauptsächlich am nordwestlichen Mittelmeer überwintern. Neuere Zählungen in Spanien ergaben über 60.000 Überwinterer (HIRALDO et al. 1995). Seit Ende der 1950er Jahre werden zunehmend überwinternde Rotmilane in Schweden und Mitteleuropa festgestellt. Die osteuropäischen Milane ziehen in den östlichen Mittelmeerraum, vor allem auf die Balkanhalbinsel. Die Walisische Population überwintert im Brutgebiet (GLUTZ VON BLOTZHEIM et al. 1989). Der Wegzug aus den mitteleuropäischen Brutgebieten beginnt im August. Die Wiederbesetzung erfolgt in den Monaten März und April, soweit nicht im Gebiet überwintert wird (NICOLAI & KOSTRZEWA in KOSTRZEWA & SPEER 2001).

Bestandsentwicklung

In den letzten 300-400 Jahren waren starke Rückgänge und Arealverluste in ganz Europa zu verzeichnen. Erst ab 1950 konnten eine Zunahme und die Ausbreitung der Rotmilanbestände in Deutschland festgestellt werden, die regional sehr differenziert verliefen (GENSBOL & THIEDE 1997, NICOLAI & KOSTRZEWA in KOSTRZEWA & SPEER 2001). Zwischen 1994 und 1997 nahmen die Brutpaarzahlen in Deutschland wieder um mehr als 25 % ab und stiegen im Jahr 1998 nur kurzfristig aufgrund von Feldmausgradationen an (MAMMEN 2000, MAMMEN & STUBBE 2000a). Gegenwärtig (1995-98) brüten in Deutschland noch 10.350-12.500 Paare, ca. die Hälfte des gesamten Weltbestandes (NICOLAI & KOSTRZEWA in KOSTRZEWA & SPEER 2001). Damit kommt Deutschland eine bedeutende internationale Verantwortung beim Schutz und der Erhaltung dieser Greifvogelart zu (MEBS 1995 u.a.). In den neuen Bundesländern erfolgte ein z.T. erheblicher Bestandsanstieg bis Anfang der 1990er Jahre (NICOLAI 1995). In Sachsen-Anhalt brüteten Anfang der 1980er Jahre 1.970 (± 620) Paare, zehn Jahre später (1991) 3.200 (± 600) Paare und im Jahr 2000 nur noch 2.400 (± 400) Paare (GEORGE & WADEWITZ 2001, NICOLAI 1993b). In den besonderen Schutzgebieten nach EU-Vogelschutzrichtlinie wurden zwischen 1990 und 2000 insgesamt 224 bis 415 BP gezählt. Das entspricht 14,8 % der Vorkommen in Sachsen-Anhalt bzw. 3,3 % des gesamtdeutschen Bestandes. Die Brutpaarzahlen in den Waldinseln des nördlichen und nordöstlichen Harzvorlandes waren nach Bestandsspitzen Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre rückläufig und nahmen nach 1989 drastisch ab (MAMMEN 1993, STUBBE et al. 1995). Zunächst kam es zu einer verstärkten Besiedlung des Umlandes, erst seit 1991 nahm der Brutpaarbestand des Harzvorlandes insgesamt ab. Innerhalb von fünf Jahren ist der Bestand in diesem weltweit bedeutenden Dichtezentrum um mehr als 50 % zurückgegangen (NICOLAI & BÖHM 1997).

Gefährdung und Schutz

Die Ursachen für die Abnahme in den Dichtezentren liegen in der veränderten Landnutzung und der Intensivierung der Landwirtschaft nach 1990. Diese Maßnahmen führten zu einer Verringerung des Nahrungsangebotes durch das Zusammenbrechen der Hamsterbestände, den Rückgang der Feldhasenbestände und eine Verringerung der Feldmausgradationen sowie zu einer Verschlechterung der Nahrungsverfügbarkeit durch den Rückgang des Grünfutteranbaus und einen verstärkten Getreide- und Winterrapsanbau (GEDEON 1994, GEORGE 1995, NICOLAI 1993b, MAMMEN 2000 u.a.). Im Hakelgebiet reduzierten sich nach 1989/90 die während der Jungenaufzuchtsphase für den Rotmilan nutzbaren Jagdflächen in der Horstumgebung um 37 % (WEBER 2001). Für die überwinternden Milane wirkt sich die verringerte Anzahl von Mülldeponien negativ auf das Nahrungsangebot aus. Die Zerstörung von Altholzbeständen und Auenwäldern sowie das Fällen von Horstbäumen führen zu Brutplatzverlusten. Als weitere Gefährdungsfaktoren sind die illegale Verfolgung in den Brut- und Überwinterungsgebieten sowie Unfälle an Freileitungen zu nennen.

 

Rote Liste Deutschland:                    -

Rote Liste Sachsen-Anhalt:               3 – Gefährdet (Stand 2004)

Literatur

entnommen aus:

Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (2003): Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt - Die Vogelarten nach Anhang I der Europäischen Vogelschutzrichtlinie im Land Sachsen-Anhalt. Halle (Saale). 223 S.

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