Schreiadler (Aquila pomarina)

Schreiadler © gebut/Fotolia.comSchreiadler © gebut/Fotolia.com

Verbreitung

Der Schreiadler ist nur in einem relativ kleinen, disjunkten Areal verbreitet, in dem A. p. pomarina Europa und Kleinasien sowie A. p. hastata Indien bewohnt. Das europäische Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der südlichen Ostseeküste bis zur Balkanhalbinsel. Die derzeitige westliche Arealgrenze zieht sich durch Nordost-Deutschland, Polen, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien und Nordgriechenland. Der genaue Verlauf der östlichen Grenze durch Westrussland und das nördliche Schwarzmeergebiet ist nicht bekannt. Im Südosten existieren vereinzelte Vorkommen in der Türkei, im Kaukasus und im nordwestlichen Iran. Der Schwerpunkt der Verbreitung liegt in Weißrussland, Lettland, Polen und der Slowakei, wo jeweils mehr als 500 Paare brüten (BERGMANIS et al. in HAGEMEIJER & BLAIR 1997). Früher über weite Teile Deutschlands verbreitet, brütet die Art gegenwärtig nur noch in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt (NICOLAI 1993a, RHEINWALD 1993). Auch diese Regionen werden nicht gleichmäßig besiedelt. Mecklenburg-Vorpommern beherbergt in fünf Schwerpunktgebieten knapp 75 % aller bekannten BP (SCHELLER & MEYBURG in KOSTRZEWA & SPEER 2001). In Sachsen-Anhalt gelangen 1965 und in den nachfolgenden Jahren Brutnachweise im mittleren Elbegebiet (Lödderitzer Forst) (ROCHLITZER 1969) sowie seit 1979 in den Waldinseln Hakel (STUBBE & MATTHES 1981, STUBBE et al. 2000) und seit 1991 im Hohen Holz (TEULECKE 1992) im nordöstlichen bzw. nördlichen Harzvorland. Brutzeitbeobachtungen liegen aus dem Raum Magdeburg (BRIESEMEISTER in GEORGE & WADEWITZ 1998), aus dem Gebiet des Steckby-Lödderitzer Forstes und aus dem Raum Dessau vor (H. & R. ROCHLITZER, TODTE, PATZAK in GEORGE & WADEWITZ 2000). Nachdem sich in den letzten Jahren die Brutnachweise jedoch ausschließlich auf den Hakel konzentriert haben, ist auch dieses Vorkommen im Jahr 2012 erloschen (FISCHER & DORNBUSCH 2014).


Ökologie und Zugstrategie

Der Schreiadler besiedelt innerhalb seines Areals sehr unterschiedliche Landschaftstypen. Die Art brütet in den Randlagen größerer Laub- und Nadelwälder im Tiefland sowie in Gebirgswäldern bis ca. 1.500 m ü. NN. Im norddeutschen Tiefland werden als Bruthabitat wenig durch Straßen zerschnittene, abwechslungsreiche Landschaften mit feuchten, altholzreichen Wäldern, Feuchtwiesen und Brüchen bevorzugt (GLUTZ VON BLOTZHEIM et al. 1989, SCHELLER & MEYBURG in KOSTRZEWA & SPEER 2001). Während das Brutvorkommen an der mittleren Elbe in Sachsen-Anhalt dem genannten Habitatschema des norddeutschen Tieflandes weitestgehend entspricht, erfolgte die dauerhafte Ansiedlung im Hakelwald in einer gewässerarmen Landschaft. Dieses Habitat zeichnet sich jedoch ebenfalls durch ungestörte Randlagen eines ausreichend großen, altholzreichen Waldes und angrenzende, nahrungsreiche Offenlandflächen mit produktiven Schwarzerdeäckern mit ehemals hohen Hamstervorkommen aus (GEDEON & STUBBE 1991, WEBER 2001). Die westpaläarktisch verbreiteten Schreiadler sind Zugvögel, deren Winterquartier im südlichen Afrika liegt. Alle von MEYBURG et al. (1995) satellitentelemetrisch verfolgten Exemplare überwinterten südlich 15° südlicher Breite. Die Zugroute verläuft meist über den Bosporus und die östliche Mittelmeerküste, einzelne Vögel queren das Mittelmeer über Griechenland bzw. Italien, Malta und Tunesien. Der Abzug aus den deutschen Brutgebieten erfolgt im September, die Ankunft Mitte April (SCHELLER & MEYBURG in KOSTRZEWA & SPEER 2001).

Bestandsentwicklung

Nach großen Bestands- und Arealverlusten im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Jagd, Horstzerstörung und Ei-Entnahme trat nach dem zweiten Weltkrieg in den noch verbliebenen Arealbereichen eine Erholungsphase ein. Seit Mitte der 1970er Jahre scheinen die Bestandszahlen in Mitteleuropa und in den nordosteuropäischen Kerngebieten weitgehend stabil zu sein. Leichte Bestandszunahmen werden aus Lettland und Tschechien, Abnahmen von der Balkanhalbinsel und Russland gemeldet. Zugvogelzählungen in Israel deuten seit 1984 auf eine Abnahme des Weltbestandes der Adlerart um ca. 30 % hin (BAUER & BERTHOLD 1997, BERGMANIS et al. in HAGEMEIJER & BLAIR 1997, SCHELLER & MEYBURG in KOSTRZEWA & SPEER 2001). Mit zunehmend genauerer Erfassung stieg der Bestand in Mecklenburg-Vorpommern bis Anfang der 1990er Jahre auf 91 BP und schwankte dann zwischen 89 und 97 BP. In Brandenburg dürfte die Brutpaaranzahl bei gleich bleibendem Bestand und genauerem Erfassungsgrad insgesamt abgenommen haben. In Sachsen-Anhalt konnte seit 1979 nur im Hakel eine zunehmende Tendenz der brütenden Paare festgestellt werden. Insgesamt brüten in Deutschland gegenwärtig 130 bis 135 Paare (SCHELLER & MEYBURG in KOSTRZEWA & SPEER 2001). In den besonderen Schutzgebieten nach EU-Vogelschutzrichtlinie wurden zwischen 1990 und 2000 insgesamt zwei bis fünf BP gezählt. Diese entsprachen 100 % der Vorkommen in Sachsen-Anhalt bzw. 3,7 % des gesamtdeutschen Bestandes.

Gefährdung und Schutz

Der Schreiadler ist gegenwärtig hauptsächlich durch den hohen Jagddruck in den Durchzugsgebieten am östlichen Mittelmeer und durch zunehmenden Lebensraumverlust gefährdet. Die Bruthabitate werden durch das Fällen und Auflichten von Altholzbeständen, den Verlust von Auenwäldern, durch Waldentwässerung und die Erschließung bisher störungsarmer Waldgebiete entwertet. Die Nahrungshabitate werden durch den Rückgang kurzrasiger Waldwiesen und Waldbrüchen, die Entwässerung von Feuchtwiesen und den Umbruch von Grünland eingeschränkt (BAUER & BERTHOLD 1997, SCHELLER & MEYBURG in KOSTRZEWA & SPEER 2001). Mit dem Zusammenbrechen der Hamsterbestände und dem reduzierten Grünfutteranbau haben sich im Nordharzvorland das Nahrungsangebot und dessen Verfügbarkeit für den Schreiadler verschlechtert (STUBBE et al. 2000, WEBER 2001). Für den Schutz der Adlerart ist die Erhaltung großflächig intakter, wenig zerschnittener Lebensräume und die Einstellung jeglicher Verfolgung besonders wichtig. In den gegenwärtigen und ehemaligen Brutgebieten sind ausreichend große, dichte Altholzbestände und naturnahe Auenwälder als Brutmöglichkeiten und extensiv genutztes Feuchtgrünland sowie reich strukturierte Offenlandbereiche als Nahrungsgebiete zu erhalten. Die Störungen im Horstbereich sind durch die Ausweisung von Horstschutz- und Ruhezonen zu minimieren (BAUER & BERTHOLD 1997, DORNBUSCH 1997, LANGGEMACH & SÖMMER 1996, SCHELLER & MEYBURG in KOSTRZEWA & SPEER 2001).

 

Rote Liste Deutschland:                    1 – Vom Aussterben bedroht (Stand 2007)

Rote Liste Sachsen-Anhalt:               2 – Stark gefährdet (Stand 2004)

Literatur

entnommen aus:

Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (2003): Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt - Die Vogelarten nach Anhang I der Europäischen Vogelschutzrichtlinie im Land Sachsen-Anhalt. Halle (Saale). 223 S.

FISCHER, S. & DORNBUSCH, G. (2014): Bestandssituation ausgewählter Brutvögel in Sachsen-Anhalt – Jahresbericht 2013, in: Vogelmonitoring in Sachsen-Anhalt 2013, Berichte des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt, Halle, Heft 6/2014, Seiten: 5 - 40.

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