Sperbergrasmücke (Sylvia nisoria)

Sperbergrasmücke © Erich GreinerSperbergrasmücke © Erich Greiner

Verbreitung

Die Sperbergrasmücke ist zentralpaläarktisch verbreitet. Das Brutareal erstreckt sich von Norditalien, dem östlichen Mitteleuropa und dem Baltikum bis zu den Gebirgen des Altai und Tien Schan in Zentralasien. Die nördliche Verbreitungsgrenze liegt in Südfinnland und folgt einer Linie etwa 60 ° N durch Russland. Die Südgrenze zieht sich von Italien über Griechenland und die Türkei bis nach Turkmenistan. Die Art fehlt größtenteils in der kasachischen Steppe. Die westliche Verbreitungsgrenze führt über Ostdänemark, Deutschland, die Schweiz bis zur Poebene. Die Nominatform S. n. nisoria besiedelt Europa, ostwärts schließt sich das Teilareal von S. n. merzbacheri an. Ca. 0,26-1,6 Mio. Paare brüten in Europa, hauptsächlich verteilt auf Russland, Rumänien und weitere osteuropäische Staaten (GLUTZ VON BLOTZHEIM & BAUER 1991, NEUSCHULZ in HAGEMEIJER & BLAIR 1997). Die Vorkommen der Sperbergrasmücke sind in Deutschland fast ausschließlich auf die ostdeutschen Bundesländer beschränkt (RHEINWALD 1993). Die Verbreitung in diesen Gebieten ist mehr oder weniger lückenhaft und schließt die Mittelgebirge weitestgehend aus. Fast die Hälfte des Bestandes konzentriert sich in Mecklenburg-Vorpommern, besonders in dessen östlichen Bereichen. Ca. 17 % aller ostdeutschen BP siedeln in Sachsen-Anhalt, das an die westliche Arealgrenze der Art grenzt (NICOLAI 1993a). Schwerpunktgebiete stellen einige Flussabschnitte der Elbe, Saale und Unstrut sowie deren Nebenflüsse dar (GNIELKA & ZAUMSEIL 1997). Sehr hohe Dichten wurden außerdem auf dem Truppenübungsplatz Colbitz-Letzlinger Heide bei Salchau im Jahr 1998 festgestellt (BRACKHAHN & GNIELKA in GEORGE & WADEWITZ 1999). Verbreitungslücken sind im Unterharz, in den ausgeräumten Ackerebenen und in größeren, geschlossenen Wäldern vorhanden. Am warmen Südharzrand finden sich singende Männchen auch in einer Höhe von über 250 m ü. NN bis ca. 300 m ü. NN (GNIELKA & ZAUMSEIL 1997).

Ökologie und Zugstrategie

Die Sperbergrasmücke bevorzugt Regionen mit warmen, trockenen Sommern. In ihrem europäischen Verbreitungsgebiet ist sie meist mit dem Neuntöter (Lanius collurio) vergesellschaftet. Die Art besiedelt in offenen und halboffenen Landschaften reich strukturierte Kleingehölze, die im Wesentlichen einen dreischichtigen Aufbau erkennen lassen. Der Nistplatz befindet sich vorzugsweise in dornigen Büschen, daneben sollten 2-4 m hohe Sträucher als Hauptbestand und zumindest punktuell einige höhere Sträucher bzw. niedrige Bäume als Ansitz- und Singwarten vorhanden sein (BEZZEL 1993, NEUSCHULZ in HAGEMEIJER & BLAIR 1997). In Sachsen-Anhalt werden diese Ansprüche in aufgelichteten älteren Streuobstbeständen, Windschutzhecken, Haldengebüschen, bahn-, weg- und gewässerbegleitenden Gehölzen, an den Rändern lichter Kieferpflanzungen und in der Bergbaufolgelandschaft erfüllt (GNIELKA & ZAUMSEIL 1997, PROFT in KUHLIG & RICHTER 1998). Die Sperbergrasmücke überwintert als Langstreckenzieher im östlichen Afrika vom Südsudan bis Nordtansania. Die europäischen Brutvögel umfliegen das Mittelmeer ostwärts. Der Wegzug erfolgt Mitte Juli/Anfang August bis Anfang September. Die mittlere Erstankunft erfolgt in Ostdeutschland in der ersten bis zweiten Maidekade (BEZZEL 1993).

Bestandsentwicklung

Seit dem 19. Jahrhundert führten Klimaschwankungen zu mehreren Arealerweiterungen, die aber wieder aufgegeben wurden (z.B. in Nordbayern und Baden-Württemberg). Mitte der 1920er Jahre drang die Sperbergrasmücke bis Estland, Südfinnland und Südschweden vor. Diese Bestände wuchsen auch zwischen 1970 und 1990 weiter an (BAUER & BERTHOLD 1997, NEUSCHULZ in HAGEMEIJER & BLAIR 1997). In Ostdeutschland brüteten Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre wahrscheinlich mehr als 4.400 BP (NICOLAI 1993a). Der deutsche Gesamtbestand wurde in den 1980er Jahren auf ca. 9.000 BP (RHEINWALD 1993) und im Jahr 1994 auf ungefähr 7.000-9.600 BP (WITT et al. 1996) geschätzt. Die Bestandsentwicklung zwischen 1970 und 1990 (-1994) wird widersprüchlich interpretiert. WITT et al. (1996) gehen von einer mehr als 20%igen Bestandszunahme aus, während BAUER & BERTHOLD (1997) und NEUSCHULZ (in HAGEMEIJER & BLAIR 1997) leichte Abnahmen (20-50 %) prognostizieren. Die Vorkommen in Sachsen-Anhalt nehmen ab (DORNBUSCH 1999). Im südlichen Bereich von Sachsen-Anhalt brüten ca. 800-2.000 BP (GNIELKA & ZAUMSEIL 1997). In den besonderen Schutzgebieten nach EU-Vogelschutzrichtlinie wurden zwischen 1990 und 2000 insgesamt 200 bis 382 BP gezählt. Diese entsprechen 10,6 % der Vorkommen in Sachsen-Anhalt bzw. 4,0 % des gesamtdeutschen Bestandes.

Gefährdung und Schutz

Bestands- und Arealschwankungen sind meist klimatisch bedingt, doch gefährden die Ausräumung der Landschaft, die Intensivierung der Landwirtschaft (Biozideinsatz), der Grünlandumbruch und die Aufforstungen die Lebensräume der Sperbergrasmücke. In den Brut- und Durchzugsgebieten ist die Art direkten Verfolgungen ausgesetzt (BAUER & BERTHOLD 1997, BAUER & THIELKE 1982, HÖLZINGER 1987). In extensiv genutzten Wiesen, Brachen und Mooren kann der artspezifische Lebensraum durch Unterschutzstellung und auch Anlage reich strukturierter Feldgehölze sowie Gebüschzonen erhalten werden. Gleichzeitig sind Trocken- und Magerrasen zu schützen (BAUER & BERTHOLD 1997).

 

Rote Liste Deutschland:                    -

Rote Liste Sachsen-Anhalt:               -

Literatur

entnommen aus:

Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (2003): Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt - Die Vogelarten nach Anhang I der Europäischen Vogelschutzrichtlinie im Land Sachsen-Anhalt. Halle (Saale). 223 S.

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