Elbaue zwischen Derben und Schönhausen (FFH0157)

Elbaue zwischen Derben und Schönhausen © Sabrina WolfElbaue zwischen Derben und Schönhausen © Sabrina Wolf

Größe [ha]:4.371
Landkreise und kreisfreie Städte:Stendal; Jerichower Land
Verwaltungseinheiten: Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land; Einheitsgemeinde Stadt Tangermünde; Einheitsgemeinde Stadt Jerichow; Einheitsgemeinde Elbe-Parey; Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte

Gebietsbeschreibung

Das FFH-Gebiet erstreckt sich in der Landschaftseinheit „Tangermünder Elbetal“ zwischen Derben und Schönhausen und nimmt im Wesentlichen die Überflutungsflächen zwischen den Winterdeichen ein. Mit den NSG „Elsholzwiesen“ und „Schelldorfer See“ werden innerdeichs gelegene Schutzgebiete in das FFH-Gebiet eingeschlossen. Bestimmend ist das großflächige Naturschutzgebiet „Bucher Brack und Bölsdorfer Haken“. Der anteilige Ausschnitt des größeren EU SPA „Elbaue bei Jerichow“ ist flächengleich.   

Lebensraumtypen und Flora

Das Schutzgebiet wird vom Stromlauf der Elbe mit seinen weiten Wiesenauen bestimmt, Wald tritt nur in geringem Umfang auf. Bemerkenswert ist die Vielzahl der kleineren, stehenden Gewässer und Gräben. Die Elbe durchzieht die gesamte Länge des Gebietes. Für den mit Buhnen, Leit- und Deckwerken ausgebauten Fluss sind die kiesig-sandigen bis schlammigen Buhnenfelder charakteristisch. Hier siedelt der FFH-LRT 3270 Flüsse mit Schlammbänken (40 ha), bei Niedrigwasser mit doppelter Flächengröße bis zu 80 ha. Typische Arten sind Braunes Cypergras (Cyperus fuscus), Schlammkraut (Limosella aquatica), Kleines Flohkraut (Pulicaria vulgaris) und Polei-Minze (Mentha pulegium). Das größte Fließgewässer neben der Elbe ist der Alte Tanger. Dieser bietet Standortbedingungen für die Entwicklung des FFH-LRT 3260 Flüsse mit Wasservegetation (4 ha). Bestimmende Altwässer sind der linksseitig, innerdeichs gelegene Schelldorfer See und die rechtsseitig, außerdeichs gelegene Alte Elbe Jerichow. Als dritter Gewässertyp treten die ehemaligen Nebengerinne der Elbe sowie die Flutrinnen und Kolke auf. Durch Kiesabbau entstanden weitere Gewässer. Die Standgewässer können den FFH-LRT 3150 Eutrophe Seen (195 ha) zugeordnet werden. Charakteristische Arten sind Schwimmfarn (Salvinia natans) und Krebsschere (Stratiotes aloides), Schwanenblume (Butomus umbellatus), Sumpf-Platterbse (Lathyrus palustris), Röhriger Wasserfenchel (Oenanthe fistulosa) und Spießblättriges Helmkraut (Scutellaria hastifolia).

Wälder als FFH-LRT 91F0 Hartholzauenwälder (22 ha) sind nur kleinflächig und fragmentarisch entwickelt. Es sind i. d. R. artenärmere, von Nitrophyten bestimmte Bestände. In Waldsäumen treten Taubenkropf (
Cucubalus baccifer) und Aufrechte Waldrebe (Clematis recta) auf. Bemerkenswert sind beweidete Waldbestände, die noch die typische Struktur eines Hutewaldes aufweisen. In größerem Umfang findet man auch Weichholzauen-Galeriewälder des FFH-LRT 91E0* (51 ha). Typische Arten der FFH-LRT 6440 Brenndolden-Auenwiesen (445 ha) und sind u. a. Brenndolde (Cnidium dubium), Wiesen Schwertlilie (Iris sibirica), Echter Haarstrang (Peucedanum officinale), Pfirsichblättriges Veilchen (Viola persicifolia), Nordisches Labkraut (Galium boreale), Kanten-Lauch (Allium angulosum), Vielblütiger Hahnenfuß (Ranunculus polyanthemus), Färber-Scharte (Serratula tinctoria), Kleines Mädesüß (Filipendula vulgaris) und Wasser-Greiskraut (Senecio aquaticus).

Daneben sind buntblütige Wiesen des FFH-LRT 6510 Magere Flachland-Mähwiesen (560 ha) verbreitet. In den Flutrasen innerhalb des Grünlandes kommen Kleinblütiges Schaumkraut (
Cardamine parviflora), Klebriges Hornkraut (Cerastium dubium) und Gottesgnadenkraut (Gratiola officinalis) vor. Hinzu treten Bestände des FFH-LRT 6430 Feuchte Hochstaudenfluren (124 ha), die vor allem als Wiesensäume entlang der Flutrinnen ausgebildet sind, aber auch an den Ufern der Elbe auftreten. Hier prägen u. a. Sumpf-Wolfsmilch (Euphorbia palustris), Langblättriger Blauweiderich (Veronica maritima) oder Katzenschwanz (Leonurus marrubiastrum) die Bestände. Die elbnahen Niederterrassen und Dünen im Bucher Brack werden sehr kleinflächig vom FFH-LRT 2330 Dünen mit offenen Grasflächen besiedelt. Diese waren ehemals großflächig ausgeprägt, sind heute jedoch in Folge der Verbrachung weitgehend verbuscht und vergrast. Das Auftreten basiphiler Arten in den Magerrasen bedingt ihre Zuordnung zum FFH-LRT 6120* Kalkreiche Sandrasen (12,6 ha). Hervorzuheben sind Acker-Filzkraut (Filago arvensis), Blaugrünes Schillergras (Koeleria glauca), Acker-Wachtelweizen (Melampyrum arvense), Knorpellattich (Chondrilla juncea), Zierliches Schillergras (Koeleria macrantha), Kleine Wiesenraute Thalictrum minus), Gestreckter Ehrenpreis (Veronica prostrata) und Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria).

Fauna

Biber (Castor fiber) und Fischotter (Lutra lutra) bewohnen alle Gewässer des Gebietes. Für beide Arten existieren hier gut bis sehr gut geeignete Lebensräume. Hinzu kommt, dass die Elbe und damit auch das gesamte Gebiet eine wichtige Funktion im überregionalen Austausch zwischen den angrenzenden Populationen beider Arten besitzt. Besondere Bedeutung hat das Gebiet zudem als Lebensraum der Nordischen Wühlmaus (Microtus oeconomus). Die in Nord- und Osteuropa verbreitete Art erreicht hier ihre südwestliche Verbreitungsgrenze in Mitteleuropa.

Auf vegetationsarmen, trockenen Bereichen lebt die Zauneidechse (
Lacerta agilis).
Aus Qualmgewässern auf der Landseite des rechtselbischen Deichs im nördlichen Teil des FFH-Gebietes gibt es Nachweise von größeren Vorkommen der Rotbauchunke (Bombina bombina). Mit ablaufendem Hochwasser trockneten allerdings die meisten Qualmgewässer sehr rasch aus und fallen damit als Reproduktionsgewässer aus. Des Weiteren konnten hier zwei Vorkommen des Kammmolchs (Triturus cristatus) ermittelt werden. In der gesamten Elbaue zwischen Derben und Schönhausen kommt der Moorfrosch (Rana arvalis) vor. In einigen Gewässern in Deichnähe wurden zudem Knoblauchkröten (Pelobates fuscus) und Kreuzkröten (Bufo calamita) festgestellt, letztere besonders in Abgrabungsgewässern mit frischen Rohböden am Ufer.

Der Rapfen (
Aspius aspius) kommt gegenwärtig regelmäßig in der Elbe vor. Aktuelle Erfassungen erbrachten Nachweise in der Stromelbe sowie von Jungfischen in angebundenen Altarmen. Auch vom Stromgründling (Romanogobio belingi) liegen Belege durch Fänge vor. Nach der Inbetriebnahme der Fischaufstiegsanlage am Elbewehr Geesthacht (Niedersachsen) wandern außerdem wieder Flussneunaugen (Lampetra fluviatilis) und Meerneunaugen (Petromyzon marinus) zu den Laichgebieten in den Oberläufen der Nebenflüsse. Vom Flussneunauge wurde zwischen 1998 und 2006 vier Nachweise und vom Meerneunauge 2006 der Fund von drei Individuen im FFH-Gebiet dokumentiert. Die sachsen-anhaltische Mittelelbe ist traditionell Wandergewässer für den Lachs (Salmo salar) , durch das er in mehreren Zügen, vorwiegend jedoch im Herbst, zieht. Nach dem Aussterben der Art vor über 100 Jahren wird seit 1995 in sächsischen Nebenbächen der Elbe Lachsbrut ausgesetzt. Seitdem gelingen Nachweise im Fluss sowohl von Jung- als auch von aufsteigenden Laichfischen, so auch im Jahr 2006 direkt im FFH-Gebiet. Der Steinbeißer (Cobitis taenia) kommt in zahlreichen geeigneten Gewässern in meist individuenreichen Beständen vor. Neben den angebundenen Altarmen und Flutrinnensystemen werden auch unverschlammte Buhnenfelder der Elbe besiedelt. Auch vom Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis) liegen Präsenznachweise aus fünf Gewässern vor. Weitere 12 Gewässer wurden zudem als potentielle Habitate bewertet. Das aktuelle Vorkommen des Bitterlings (Rhodeus sericeus amarus) beschränkt sich im FFH-Gebiet auf die Alte Elbe und die Löpsche bei Jerichow sowie den Mündungslauf des Bölsdorfer Tangers. Die Habitatflächen konzentrieren sich dabei auf die von Teichrosen (Nuphar lutea) bewachsenen Bereiche. Insgesamt findet die Art in den Gewässern jedoch keine optimalen Lebens- und Reproduktionsbedingungen, da der für die Vermehrung erforderliche Muschelbestand infolge der starken Schlammablagerungen mit bereits anaeroben Charakter kaum Existenzmöglichkeiten findet.

In mehreren Uferabschnitten des Gebietes kommt die Grüne Keiljungfer (
Ophiogomphus cecilia) vor. So erfolgten im Jahre 2006 Exuviennachweise bei Fischbeck, Buch und Ferchland. Die Asiatische Keiljungfer (Gomphus flavipes), eine stenöke Fließwasserart, hat Bindung an sandigen Feingrund, während die Grüne Mosaikjungfer (Aeshna viridis) an Weihern mit Schwimmrasen, insbesondere mit Krebsschere (Stratiotes aloides), auftritt.

Das Gebiet ist Teil eines EU SPA und hat wegen seiner ausgedehnten und abwechslungsreichen Offenlandhabitate eine herausragende Bedeutung für wertgebende Brut- und Gastvogelarten. Seeadler (
Haliaeetus albicilla) und Kranich (Grus grus) sind die markantesten Großvogelarten. Die Gewässer und deren vernässte Randbereiche, insbesondere die Alte Elbe Jerichow, werden von Knäkente (Anas querquedula), Bekassine (Gallinago gallinago) und Trauerseeschwalbe (Chlidonias niger) in bedeutender Zahl besiedelt. Auf den Grünländern besetzen Wachtelkönig (Crex crex), Kiebitz (Vanellus vanellus) und Braunkehlchen (Saxicola rubetra) zahlreiche Reviere. Mit Großem Brachvogel (Numenius arquata) und Rotschenkel (Tringa totanus) finden weitere ehemals häufigere und weiter verbreitete Grünlandbewohner letzte Brutmöglichkeiten innerhalb Sachsen-Anhalts. Bemerkenswert sind weiterhin die hohen Brutbestände von Neuntöter (Lanius collurio), Schilfrohrsänger (Acrocephalus schoenobaenus) und Sperbergrasmücke (Sylvia nisoria). Während der Zugzeit halten sich im Gebiet auch Tausende Saat- und Blässgänse (Anser fabalis, A. albifrons), Kraniche (Grus grus), Goldregenpfeifer (Pluvialis apricarius) und Kiebitze (Vanellus vanellus) auf. Überschwemmtes Grünland wird vor allem im Frühjahr von zahlreichen Pfeifenten (Anas penelope) sowie Spieß- und Löffelenten (Anas acuta, A. clypeata) zur Rast aufgesucht. Singschwan (Cygnus cygnus), Zwergschwan (Cygnus bewickii) und Weißwangengans (Branta leucopis) rasten ebenfalls in bedeutender Zahl. Schelldorfer See und Bölsdorfer Haken besitzen herausragende Bedeutung als Schlafgewässer zahlloser Wasservögel.

Literatur: 65, 101, 102, 119, 146, 153, 207, 212, 257, 264, 295, 361, 407, 483, 562

verändert nach:

Jentzsch, M. und Reichhoff, L. (2013): Handbuch der FFH-Gebiete Sachsen-Anhalts. Hrsg. Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. Halle (Saale). 616 Seiten

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