Weißstorch (Ciconia ciconia)

Weißstorch © Lutz DöringWeißstorch © Lutz Döring

Verbreitung

Das Brutareal des Weißstorches erstreckt sich diskontinuierlich über die Paläarktis, wobei die Nominatform C. c. ciconia in Europa, Kleinasien, Nordwest-Afrika und inselartig in einem kleinen Bereich von Südafrika vorkommt, während C. c. asiatica in Mittelasien brütet (BAUER & GLUTZ VON BLOTZHEIM 1987, CREUTZ 1988). Der Weltbestand zählte 1994/95 ca. 168.000 Brutpaare (SCHULZ 1999). In Europa werden gegenwärtig hauptsächlich die Iberische Halbinsel und das östliche Mittel- und Osteuropa (von Ostdeutschland bis zur Ukraine bzw. bis zum Baltikum und Griechenland) besiedelt (ARAÚJO & BIBER in HAGEMEIJER & BLAIR 1997). In Deutschland liegt der Verbreitungsschwerpunkt in den Tieflandbereichen der östlichen Bundesländer, die über 75 % des deutschen Storchenbestandes beherbergen (KAATZ & KAATZ 1999, SCHULZ 1999). Im Bundesland Sachsen-Anhalt werden hauptsächlich die Talauen und Niederungslandschaften an Elbe, Aland, Havel, Ohre, Schwarzer Elster, Mulde, Saale und Helme besiedelt. Der Weißstorch brütet nicht im Harz und seltener in den trockneren Börden und Heiden des Landes (KAATZ in GNIELKA & ZAUMSEIL 1997, NICOLAI 1993a). Die höchsten Dichten werden in Sachsen-Anhalt im LK Stendal und in der kreisfreien Stadt Dessau mit 6,8 bzw. 9,5 Horstpaaren/100 km² erreicht (1998, KAATZ & KAATZ 1999).

Ökologie und Zugstrategie

Der Weißstorch ist ein Kulturfolger, der im mitteleuropäischen Brutgebiet offene Landschaften mit nicht zu hoher Vegetation und ausreichendem Nahrungsangebot besiedelt. Hauptsächlich werden Niederungen im Tiefland mit Gewässern, Feuchtwiesen und anderen extensiv genutzten Grünländern aufgesucht. Die Horste werden in ländlichen Ortschaften, auf Einzelbäumen und Masten sowie in Auenwäldern errichtet (BAUER & GLUTZ VON BLOTZHEIM 1987, BEZZEL 1985). Im Südteil des Landes Sachsen-Anhalt bilden für 31 % der Nester Maste, für 28 % Schornsteine, für 28 % Hartdächer, für 3 % Bäume und für 10 % andere Strukturen die Horstunterlage (KAATZ in GNIELKA & ZAUMSEIL 1997). Als Langstreckenzieher verlässt die Art die mitteleuropäischen Brutgebiete von Mitte August bis Anfang September und kehrt aus dem afrikanischen Überwinterungsgebiet Ende Februar bis Anfang April zurück (BAUER & GLUTZ VON BLOTZHEIM 1987). Auf dem Zug werden die Alpen und das Mittelmeer weitgehend gemieden, sodass die Störche im Schmalfrontzug Gibraltar und den Bosporus passieren. Der Zugscheidengrad zwischen den „West- und Oststörchen“ erstreckt sich mit einer breiten Mischzone vom nördlichen Alpenrand, dem Lech und der Regnitz über den Kyffhäuser, den südwestlichen Harzrand und das Gebiet um Osnabrück bis zum Ijsselmeer. Die Weststörche überwintern in Westafrika südlich der Sahara, die ostwärts ziehenden Störche in Äthiopien, im Sudan und in den Savannen zwischen Kenia und dem östlichen Südafrika (BEZZEL 1985).

Bestandsentwicklung

Seit den 1930er Jahren nahm der Weißstorchbestand in großen Bereichen seines Verbreitungsgebietes, besonders in Westeuropa, stark ab. Gegenwärtig nehmen die Bestände zu (besonders im Baltikum, im europäischen Russland und in Spanien), sodass sich der Weltbestand 1994/95 im Vergleich zu 1984 um ca. 20 % erhöht hat (ARAÚJO & BIBER in HAGEMEIJER & BLAIR 1997, SCHULZ 1999). Bis 1988 ging der Weißstorchbestand in Deutschland auf 2.949 Horstpaare zurück und stieg in den Folgejahren ab 1993 deutlich auf 4.370 im Jahr 1996 (KAATZ & KAATZ 1999). Die Bestandsgröße der Jahre 1994/95 lag jedoch immer noch 53 % unter dem Wert von 1934 (SCHULZ 1999). In Sachsen-Anhalt wurde die Brutpaaranzahl von 1934 bereits im Jahr 1993 erreicht und überschritten (KAATZ 1997). Im Jahr 2000 wurden 19 BP in den besonderen Schutzgebieten gezählt. Das entspricht 3,3 % des Vorkommens in Sachsen-Anhalt bzw. 0,4 % des deutschen Bestandes.

Gefährdung und Schutz

Der Weißstorch ist in starkem Maße von der Zerstörung seines Lebensraumes durch direkte und indirekte Maßnahmen des Menschen in den Brut-, Durchzugs- und Überwinterungsgebieten betroffen. In den Brutgebieten werden durch Intensivierungsmaßnahmen der Landwirtschaft, Entwässerung, Grundwasserabsenkung, Aufforstung, Umwandlung von Grünland in Ackerland, Verbauung, Strukturverarmung und durch den Einsatz von Pestiziden die Nahrungshabitate entwertet bzw. zerstört. Weitere Gefährdungsfaktoren stellen Unfälle an Freileitungen durch Stromschlag und Drahtanflug, die anthropogene Verfolgung auf den Zugwegen, Abstürze in Schornsteine, fehlende Nistplätze und klimatische Faktoren dar (BAUER & BERTHOLD 1997, HÖLZINGER 1987). Ungünstige klimatische Bedingungen mit anhaltenden Dürren und Desertifikation verschlechterten bis Mitte der 1980er Jahre die Überwinterungsbedingungen der westlich ziehenden Störche stark (SCHULZ 1999). Die Erhaltung bzw. die Wiederherstellung geeigneter großräumiger Nahrungsgebiete sind für den Schutz der Art besonders wichtig. Damit müssen eine Reduzierung des Einsatzes von Chemikalien und eine finanzielle Stützung der extensiven Grünlandbewirtschaftung verbunden sein (BAUER & BERTHOLD 1997, HÖLZINGER 1987). Außerdem sind die jagdliche Verfolgung einzustellen und Gefahren durch Stromleitungen zu minimieren (FIEDLER & WISSEN 1980, HÖLZINGER 1987 u.a.). Die laufende Betreuung der Horstplätze und ein flankierendes wissenschaftliches Monitoring dienen der Bestandsüberwachung (KAATZ in GNIELKA & ZAUMSEIL 1997).

 

Rote Liste Deutschland:                    3 – Gefährdet (Stand 2007)

Rote Liste Sachsen-Anhalt:               -

Literatur

entnommen aus:

Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (2003): Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt - Die Vogelarten nach Anhang I der Europäischen Vogelschutzrichtlinie im Land Sachsen-Anhalt. Halle (Saale). 223 S.

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