Hochharz (FFH0160)

Montane Fichtenwälder (LRT 9410) im Harz © Dr. Hans-Ulrich KisonMontane Fichtenwälder (LRT 9410) im Harz © Dr. Hans-Ulrich Kison

Größe [ha / km]: 6.012 / 1
Landkreise und kreisfreie Städte: Harz
Verwaltungseinheiten:Einheitsgemeinde Stadt Wernigerode; Einheitsgemeinde Stadt Ilsenburg (Harz); Einheitsgemeinde Stadt Oberharz am Brocken

Gebietsbeschreibung

Das FFH-Gebiet Hochharz befindet sich bis auf rund 80 ha innerhalb des Nationalparks Harz. Das FFH-Gebiet umfasst das gesamte Brockengebiet, den Renneckenberg und Hohnekamm sowie Teile des Einzugsgebietes der Wormke. Höhen über 1.000 m ü. NN erreichen der Brocken (1.141 m), die Heinrichshöhe (1.043 m) und der Königsberg (1.033 m). Das FFH-Gebiet wird geologisch bestimmt durch das Granitmassiv des Brockens. Verbreitet sind nach der letzten Eiszeit auch Moore entstanden. Der Schutz des Hochharzes geht mit seiner einstweiligen Sicherstellung bereits auf das Jahr 1937 zurück. Das Gebiet wurde im Jahre 1967 mit einer Größe von 1.980 ha endgültig unter Schutz gestellt. Bis auf die Moore und Klippen sowie den „Brockenurwald“ wurde das Reservat bis 1990 weiter forstlich bewirtschaftet. Das betraf vor allem auch die Borkenkäferkontrolle, die Sturmsicherung und die Verjüngung der Fichtenaltbestände. Der Hochharz war 1989/1990 Bestandteil des Nationalparkprogramms und wurde am 01.10.1990 als Nationalpark verordnet. Das Schutzziel bestand insbesondere darin, seine wertvollen Lebensräume bis 2022 nutzungsfrei zu stellen. Im Jahre 2000 erfolgte eine bedeutende Erweiterung des Gebietes, die es nunmehr gemeinsam mit dem Nationalpark im Niedersächsischen Harz erlaubt, die Lebensräume am Nordrand des Harzes über die Höhenlagen bis an den Südharzrand heran zu sichern.

Lebensraumtypen und Flora

Das Gebiet wird von Wäldern beherrscht. Der FFH-LRT 9410 Montane Fichtenwälder (2.000 ha) stockt in den natürlichen Hochlagen von ca. 800 bis 1.100 m ü. NN. Sie lösen sich an der Brockenkuppe auf und formen hier höhenklimatisch und sturmbedingt eine natürliche Waldgrenze. Es herrscht der Wollreitgras-Fichten-Wald mit Übergängen zum Peitschenmoos-Fichten-Wald sowie dem Karpatenbirken-Fichten-Blockwald der Kammlagen vor. Begleitende Gehölze sind lediglich Eberesche (Sorbus aucuparia), Hänge-Birke (Betula pendula) und Moor-Birke (Betula pubescens). Zu den typischen Arten der Krautschicht zählen Wolliges Reitgras (Calamagrostis villosa), Siebenstern (Trientalis europaea), Rippenfarn (Blechnum spicant), Heidelbeere (Vaccinium myrtillus), die Moose Dicranum majus, Plagothecium undulatum, Sphagnum girgensonii, Grünes Koboldmoos (Buxbaumia viridis), Rogers Kapuzenmoos (Orthotrichum rogeri) als Art nach Anhang II der FFH-Richtlinie sowie die Flechten Pseudevernia furcacea, Vulpicida pinastri und Hypogymnia farinacea. Früher fand nur in wenigen, schwer zugänglichen Bereichen des „Brockenurwaldes“ keine Bewirtschaftung der Wälder statt. Heute liegen die montanen Fichten-Wälder allesamt in der Naturdynamikzone des Nationalparks, Eingriffe oder stützende Maßnahmen finden hier nicht mehr statt.
Beim FFH-LRT 91D0* Moorwälder (200 ha) handelt es sich um Bestände mit lockerer Struktur in den Randlagen der Hoch- und Übergangsmoore, die von der Dynamik der Moore direkt abhängig sind. Am Moorrand entwickeln sich der Rauschbeeren-Fichten-Moorwald, der Peitschenmoos-Fichten-Wald und kleinflächig der Rauschbeeren-Moorbirken-Sumpfwald mit Moor-Birke (Betula pubescens), Krähen-Beere (Empetrum nigrum), Scheidigem Wollgras (Eriophorum vaginatum), Pfeifengras (Molinia caerulea), Moosbeere (Oxycoccus palustris) und Sumpf-Heidelbeere (V. uliginosum).
Der FFH-LRT 9110 Hainsimsen-Buchenwald (30 ha) hat seinen Schwerpunkt in der submontanen und montanen Stufe des Gebietes. Die Hallenwälder sind noch forstlich geprägt, weisen einen geringen Totholzanteil auf und sind relativ artenarm. Als typische Arten der Bodenvegetation seien Schmalblättrige Hainsimse (Luzula luzuloides), Dorniger Wurmfarn (Dryopteris carthusiana) und Schattenblümchen (Maianthemum bifolium) angeführt.
Der FFH-LRT 9180* Schlucht- und Hangmischwälder (5 ha) schließt im montanen Bereich den Bergahorn-Buchen-Wald und kleinflächig in tieferen Lagen den Moschuskraut-Bergahorn-Wald ein. In der Krautschicht treten Alpen-Milchlattich (Cicerbita alpina), Ausdauerndes Silberblatt (Lunaria rediviva) und Platanenblättriger Hahnenfuß (Ranunculus platanifolius) auf.
Der FFH-LRT 91E0* Erlen-Eschenwälder (30 ha) erstreckt sich überwiegend an der Unteren Wormke als Hainmieren-Schwarzerlen-Wald und Traubenkirschen-Erlen-Eschen-Wald. In der Bodenvegetation kommen Sumpf-Pippau (Crepis paludosa), Hohe Primel (Primula elatior), Platanenblättriger Hahnenfuß (Ranunculus platanifolius) und Hain- Sternmiere (Stellaria nemorum) vor. Im Gebiet wurde aktuell das Laubmoos Orthotrichum rogeri, eine Art des Anhangs II der FFH-Richtlinie, festgestellt. Dabei handelt es sich um einen an Laubbäumen siedelnden Epiphyten.

Auch die Moore selbst sind ökologisch äußerst wertvoll und der FFH-LRT 7110* Lebende Hochmoore (6 ha) ist eines der wichtigsten Schutzgüter im Nationalpark Harz. Als lebendes, aber derzeit nicht wachsendes Hochmoor kann das Goethemoor auf dem Königsberg eingeschätzt werden. Zudem gibt es im Gebiet zahlreiche Übergänge zu von Grundwasser beeinflussten Mooren und Schwingmooren. Im Brockengebiet herrschen die Wollgras-Rasenbinsen- Gesellschaft und die Torfmoos-Bultengesellschaft vor. Bestimmende Arten sind Rosmarinheide (Andromeda polifolia), Armblütige Segge (Carex pauciflora), Scheidiges Wollgras (Eriophorum vaginatum), Moosbeere (Oxycoccus palustris) und Rasige Haarsimse (Trichophorum cespitosum). Bei dem FFH-LRT 7120 Renaturierungsfähige Hochmoore (6 ha) handelt sich um Moore, die teilweise abgetorft oder anderweitig anthropogen geschädigt sind. Bestimmende Pflanzengesellschaften sind die Hundstraußgras-Grauseggen-Gesellschaft und die Wiesenseggen-Gesellschaft. In dem FFH-LRT 7140 Übergangs- und Schwingmoore (64 ha) entwickeln sich die Schnabelseggen-Gesellschaft und die Torfmoos-Wollgras-Gesellschaft. Charakteristische Arten sind u. a. Schnabel-Segge (Carex rostrata), Wiesen-Segge (Carex nigra), Schmalblättriges Wollgras (Eriophorum angustifolium) und Gewöhnliche Moosbeere (Oxycoccus palustris).

Der FFH-LRT 8150 Kieselhaltige Schutthalden (25 ha) wird durch arktisch-alpine Arten gekennzeichnet. Blockschutthalden befinden sich am Brocken und am Renneckenberg. Die Vegetation ist schütter ausgebildet und beschränkt sich häufig auf typische Flechtenarten, wie Brodoa intestiniformis, Cladonia bellidiflora, Umbilicaria torrefacta, U. cylindrica, weiterhin Cladonia furcata, C. squamosa, C. coccifera und Lecanora polytropa.
In Felsspalten tritt der LRT 8220 Silikat-Felsspaltenvegetation (50 ha) auf. Hier siedeln Braunstieliger Streifenfarn (Asplenium trichomes) und die Flechten Arctoparmelia incurva, A. centrifuga, Protoparmelia badia und mehrere Umbilicaria-Arten.

Der Fließgewässer-FFH-LRT 3260 Flüsse mit Wasservegetation (0,5 ha) kommt ausschließlich im unteren Bereich der Bode und der Wormke vor. Dort entwickelt sich eine artenarme Vegetation der Wasserstern-Fluthahnenfuß-Gesellschaft.

Den FFH-LRT 4030 Trockene Heiden (10 ha) findet man als temporäre Vegetation auf Mineralboden. Eine besonders wertvolle und in Deutschland einmalige Heidegesellschaft ist die Brockenanemonen-Heide der Brockenkuppe mit alpin-hochmontanen und kälteresistenten Arten. Wertbestimmend sind das Alpen-Habichtskraut (Hieracium alpinum), die Brocken-Anemone (Pulsatilla alba) und die Becherflechte (Cladonia bellidiflora). Als endemische Unterart kommt das Schwärzliche Habichtskraut (Hieracium nigrescens ssp. bructurum) auf dem Brocken vor.
Auf Schlackenresten und Halden des Bergbaus in der Umgebung von Drei Annen Hohne und Schierke siedeln Schwermetallrasen des FFH-LRT 6130 (1 ha). Galmei-Grasnelke (Armeria maritima ssp. halleri), Frühlings-Miere (Minuartia verna ssp. hercynica) und Hallers Schaumkresse (Arabidopsis halleri) kennzeichnen die Bestände.
Als Grünland findet sich auch der FFH-LRT 6520 Berg-Mähwiesen (5 ha). Die Wiesen beherbergen ein in artenreiches Mosaik der Bärwurz- Rotschwingel-Gesellschaft mit Übergängen zur Waldstorchschnabel-Goldhaferwiese.

Fauna

Das gesamte Gebiet ist Lebensraum für Wildkatze (Felis silvestris) und Luchs (Lynx lynx). In den Blockhalden hat sich die einzige Population des Gartenschläfers (Eliomys quercinus) in Sachsen-Anhalt etabliert. Mehrere Fledermausarten nutzen das Gebiet des Hochharzes zur Nahrungssuche bzw. reproduzieren hier. Nach Ohlendorf (mdl. Mitt.) zählen dazu u. a. Zweifarbfledermaus (Vespertilio murinus), Nordfledermaus (Eptesicus nilssonii) sowie Zwerg- und Bartfledermaus (Pipistrellus pipistrellus, Myotis mystacinus).

Randbereiche des Nationalparks liegen zudem im Verbreitungsgebiet der Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans).
Unter den Fischen sind die Groppe (Cottus gobio) und das Bachneunauge (Lampetra planeri) zu erwähnen, die insbesondere im unteren Bereich der Bäche anzutreffen sind.

Aus dem Hochharz lassen sich darüber hinaus seltene Insektenarten nachweisen, wie der Bockkäfer Oxymirus cursor und der Buntkäfer Thanasimus pectoralis. Von Sacher (mdl. Mitt.) stammen die Funde bemerkenswerter Webspinnen und Weberknechte, wie zum Beispiel Diplocentria bidentata, Latithorax faustus, Lepthyphantes alacris, L. expunetus, Mitopus morio und Platybunus bucephalus. In den Hochlagen des FFH-Gebietes kommen die arktisch-alpine Hochmoor-Mosaikjungfer (Aeshna subarctica ssp. elisabethae), die Smaragdlibelle (Somatochloa arctica) und die Alpen-Smaragdlibelle (Somatochloa alpestris) vor. Als seltene Arten der eigentlichen Brockenkuppe sind u. a. der Schneefloh (Boreus westwoodi) und die Schneemücke (Chionae lutescens) zu erwähnen.

Im EU SPA nimmt insbesondere das Brockenplateau eine Sonderstellung als Lebensraum für Brutvögel ein. Überregionale Bedeutung besitzen die in Sachsen-Anhalt einzigen Brutvorkommen des Grünlaubsängers (Phylloscopus trochiloides) und der Ringdrossel (Turdus torquatus). Bemerkenswert sind zudem die stabilen Brutvorkommen von Rauhfußkauz (Aegolius funereus) und Sperlingskauz (Glaucidium passerinum). Im Gebiet befindet sich auch ein traditioneller Brutplatz des Wanderfalken (Falco peregrinus). Zu den Gastvögeln des Brockenplateaus gehören mit Mornellregenpfeifer (Charadrius morinellus), Steinrötel (Monticola saxatilis), Alpenbraunelle (Prunella collaris), Schneesperling (Montifringilla nivalis) und Schneeammer (Calcarius nivalis) mehrere Gebirgsarten. Die letzten Beobachtungen von Auerhühnern (Tetrao urogallus) im Land Sachsen-Anhalt stammen aus den Hochlagen des Harzes, liegen aber bereits einige Jahre zurück. Sie betrafen Vögel, die einem niedersächsischen Auswilderungsprojekt des Zeitraums 1978 bis 2003 entstammten.

Literatur: 27, 30, 62, 71, 90, 105, 106, 107, 108, 162, 203, 207, 208, 212, 294, 305, 340, 467, 515, 518

verändert nach:

Jentzsch, M. und Reichhoff, L. (2013): Handbuch der FFH-Gebiete Sachsen-Anhalts. Hrsg. Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. Halle (Saale). 616 Seiten

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