Elbaue Werben und Alte Elbe Kannenberg (FFH0009)

Größe [ha]: 2.212
Landkreise und kreisfreie Städte: Stendal
Verwaltungseinheiten: Verbandsgemeinde Seehausen (Altmark); Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land; Verbandsgemeinde Arneburg-Goldbeck; Einheitsgemeinde Hansestadt Havelberg

Gebietsbeschreibung

Das FFH-Gebiet erstreckt sich zwischen den Ortschaften Werben und Sandau innerhalb des „Werbener Elbtals“. Es wird auf ca. zwei Drittel der Gesamtfläche durch Überflutungsereignisse der Elbe geprägt, so dass Flutmulden, Altarme und wassergefüllte Auenkolke zu charakteristischen Strukturelementen zählen. Eingedeicht sind hingegen der Laubwaldkomplex des Mühlenholzes westlich von Havelberg, der teils kiefernreiche Sandauer Wald auf einer Niederterrasse sowie das zwischen den beiden Waldbeständen gelegene Feuchtgebiet der Sandau-Havelberger Lehmlachen. Ebenfalls von der rezenten Aue abgetrennt ist die Alte Elbe zwischen Kannenberg und Berge. Landschaftlich kennzeichnend sind zudem mit Feuchtlebensräumen durchsetzte, offene Grünlandflächen und einzelne Waldbestände. 

Lebensraumtypen und Flora

An den Ufern der Elbe ist in den Buhnenfeldern der FFH-LRT 3270 Flüsse mit Schlammbänken (356 ha) ausgebildet. Als den Lebensraumtyp kennzeichnende Art ist hier der Hirschsprung (Corrigiola litoralis) verbreitet. Weitere typische Arten sind z. B. Portulak (Portulaca oleracea) oder Gemeines Flohkraut (Pulicaria vulgaris). Die Alte Elbe Kannenberg und zahlreiche Auenkolke sind dem FFH-LRT 3150 Eutrophe Seen (61 ha) mit Vorkommensschwerpunkten im Süden des Gebietes zuzuordnen. Hier siedelt neben Froschbiss (Hydrocharis morsus-ranae) und Schwimmfarn (Salvinia natans) auch vereinzelt Krebsschere (Stratiotes aloides). Weiterhin treten Gemeiner Wasser-Hahnenfuß (Ranunculus aquatilis), Wasserfeder (Hottonia palustris), Gelbe Teichrose (Nuphar lutea), Ähriges Tausendblatt (Myriophyllum spicatum), Spreizender Hahnenfuß (Ranunculus circinatus) sowie Stumpfblättriges und Glänzendes Laichkraut (Potamogeton obtusifolius, P. lucens) auf.

In den großflächigen, durch Stillgewässer und Einzelgehölze strukturierten Wiesen sind infolge vormals intensiver Bewirtschaftung heute nur noch Relikte des FFH-LRT 6440 Brenndolden- Auenwiesen (21 ha) und zerstreut Bestände des FFH-LRT 6510 Magere Flachland-Mähwiesen (92 ha) entwickelt. In den Brenndolden-Auenwiesen wachsen Wasser-Greiskraut (Senecio aquaticus), Gräben-Veilchen (Violo persicifolia) und Sumpf-Platterbse (Lythyrus palustris). Hinzu treten Brenndolde (Cnidium dubium), Silau (Silaum silaus), Nordisches Labkraut (Galium boreale), Kanten-Lauch (Allium angulosum), Großer Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis) und Langblättriger Blauweiderich (Veronica maritima). Die als Glatthafer- und Fuchsschwanz-Wiesen ausgebildeten mageren Flachland-Mähwiesen werden durch Arten wie Knollen-Hahnenfuß (Ranunculus bulbosus), Hain-Simse (Luzula campestris), Kleine Pimpinelle (Pimpinella saxifraga) oder Frühe Segge (Carex praecox) gekennzeichnet. Auf Dünen siedeln Sandtrockenrasen in der Ausbildung des FFH-LRT 2330 Dünen mit offenen Grasflächen (0,5 ha). In den Silbergrasfluren kommen neben der namengebenden Art Bauernsenf (Teesdalia nudicaulis) und Frühlings- Schuppenmiere (Spergularia morisonii) vor.

Trotz des geringen Flächenanteils der Wälder sind in der Überflutungsaue zahlreiche Bestände des FFH-LRT 91E0* Weichholzauenwälder (36 ha) ausgebildet. In ihnen tritt die Schwarz-Pappel (Populus nigra) auf. Bestände des FFH-LRT 91F0 Hartholzauwälder (68 ha) finden sich sowohl inner- als auch außerdeichs in günstiger Ausprägung. Außerdeichs ist die regelmäßig überflutete Ausbildungsform von Rohr-Glanzgras (Phalaris arundinacea) anzutreffen. Die trockenen Standorte innerdeichs besiedelt hingegen eine Variante mit Wald-Flattergras (Milium effusum) und Wald-Zwenke (Brachypodium sylvaticum), währen die von Qualmwasser beeinflussten Standorte von einer Ausbildungsform der Schwarz-Erle (Alnus glutinosa), in der bereits Sumpfarten wie Ufer- und Sumpf-Segge (Carex riparia, C. acutiformis), Sumpf-Schwertlilie (Iris pseudacorus) oder Wolfstrapp (Lycopus europaeus) auftreten, bestanden werden. Auf Niederterrassen entsprechen die von Stiel-Eiche (Quercus robur) dominierten Bestände dem FFH-LRT 9160 Sternmieren- Eichen-Hainbuchenwald (12 ha). Hier kommen Deutsches Geißblatt (Lonicera periclymenum) und Zittergras-Segge (Carex brizoides) vor. Im Sandauer Holz ist der FFH-LRT 9190 Eichenwälder auf Sandebenen (36 ha) anzutreffen, in dem auf feuchteren Standorten Pfeifengras (Molinia cerulea) und auf trockenen Standorten Rot-Straußgras (Agrostis capillaris) auftreten.

Fauna

Die Weichholzauenwälder sind wichtige Nahrungshabitate des Bibers (Castor fiber), der im gesamten Gebiet verbreitet ist. Eine hohe Bedeutung hat das Gebiet zudem als Habitat des ebenfalls regelmäßig vorkommenden Fischotters (Lutra lutra), der das Werbener Elbtal als Migrationsraum für nord-südwärts gerichtete Ausbreitungsbewegungen aus dem angrenzenden Brandenburg nutzt. Auentypische Fledermausarten wie Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) und Großer Abendsegler (Nyctalus noctula) sind häufig im Gebiet vertreten. Hier finden sie geeignete Jagdgebiete und in den Waldbereichen entsprechende Quartierangebote. Das saisonale Auftreten von Fledermäusen, wie Kleinabendsegler (Nyctalus leisleri) und Rauhautfledermaus (Pipistrellus nathusii), aber auch Großem Abendsegler (Nyctalus noctula) zur Zugzeit, weist auf die Bedeutung des Gebietes für diese wandernden Arten hin.

In den trockenen und offenen Teilen des Gebietes, z. B. dem Sandauer Wald, lebt an Stellen mit lückiger Bodenvegetation die Zauneidechse (
Lacerta agilis).
In Weihern und Altwässern, auf Überflutungsund Qualmwasserflächen der Elbaue gibt es arten- und individuenreiche Gemeinschaften der Lurche mit aktuell 13 Nachweisen der Rotbauchunke (
Bombina bombina). Treten dort auch Fische auf, sind diese Vorkommen allerdings durch Prädation gefährdet, ebenso wie durch die Bearbeitung des Umfeldes mit Maschinen, die die Tiere überfahren können. Vereinzelt ist darüber hinaus der Kammmolch (Triturus cristatus) anzutreffen, aber auch Laubfrosch (Hyla arborea), Knoblauchkröte (Pelobates fuscus), Moorfrosch (Rana arvalis) und Kleiner Wasserfrosch (Rana lessonae) wurden nachgewiesen. Die Kreuzkröte (Bufo calamita) findet jedoch kaum grabfähige Böden, weshalb nur eine geringe Ruferzahl festgestellt wurde.

Im Flusslauf der Elbe wird der Rapfen (
Aspius aspius) regelmäßig nachgewiesen. Auch das Flussneunauge (Lampetra fluviatilis) und der Lachs (Salmo salar) nutzen den Fluss als Wandergewässer, wenn sie zu ihren Laichgebieten ziehen oder als präadulte Tiere wieder zum Meer schwimmen. Das in Sachsen-Anhalt ehemals verschollene Meerneunauge (Petromyzon marinus) dringt wieder vereinzelt bis in die untere Elbe vor und dürfte dabei auch das FFH-Gebiet erreichen.

Besonders in den Alteichen des „Mühlenholzes“ bei Havelberg entwickeln sich seltene Käferarten. Bereits im Jahre 1937 wurden hier auf Grundlage des Reichsnaturschutzgesetzes von 1935 alte Stiel-Eichen unter Naturschutz gestellt. Nach dem 2. Weltkrieg wurden jedoch viele dieser Eichen gefällt und nur 26 Eichen blieben erhalten. Eremit (
Osmoderma eremita) und Heldbock (Cerambyx cerdo) haben heute dennoch konstante Vorkommen. Der Heldbock ist auch im Sandauer Wald vorhanden. Der Hirschkäfer (Lucanus cervus) kann aktuell im Gesamtgebiet nicht mehr nachgewiesen werden, die bisher letzte Beobachtung erfolgte im Jahre 1999. Weitere seltene Käferarten sind u. a. Messerbock (Axinopalpis gracilis), Feuerschmied (Elater ferrugineus), Eichenkernkäfer (Platypus cylindrus) und Hornissenkäfer (Velleius dilatatus). Die Grüne Mosaikjungfer (Aeshna viridis) kommt ebenso im Gebiet vor, wie die Asiatische Keiljungfer (Gomphus flavipes), welche die sandigen Buhnenfelder besiedelt.

Das Gebiet als Teil des EU SPA besitzt landesweite Bedeutung für Flussuferläufer (
Actitis hypoleucos) und Trauerseeschwalbe (Chlidonias niger). Weiterhin bemerkenswert sind Bruten von Seeadler (Haliaeetus albicilla), Löffelente (Anas clypeata) und Knäkente (Anas querquedula). Der Elbverlauf mit angrenzenden weiträumigen flachwasserreichen Grünländern im Kontakt zu umliegenden ausgedehnten Ackerflächen bietet ideale Bedingungen für Zug- und Rastvögel. So halten sich während der Zugzeit regelmäßig Singschwan (Cygnus cygnus), Kranich (Grus grus), Goldregenpfeifer (Pluvialis apricarius) sowie Graugans (Anser anser) in bedeutender Zahl im Gebiet auf.

Literatur: 65, 102, 143, 207, 212, 297, 344, 360, 361, 407, 464, 465, 483, 559, 567

verändert nach:

Jentzsch, M. und Reichhoff, L. (2013): Handbuch der FFH-Gebiete Sachsen-Anhalts. Hrsg. Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. Halle (Saale). 616 Seiten

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